Fürstentum Antiochia

Kreuzfahrer
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Albert von Pietengau
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Fürstentum Antiochia

Beitrag von Albert von Pietengau » Mi 29.01.14 13:22

Der Gründung des Fürstentums (1098) ging die Erroberung der Stadt Antiochia voraus, die so gut befestigt war, dass sie nur durch Verrat an die Kreuzfahrer fiel. Nachdem diese (wie auch später in Jerusalem) unter den Einwohnern ein wahres Blutbad angerichtet hatten, wurden sie ihrerseits von moslemischen Truppen belagert, deren Übermacht so groß war, dass sich unter den Kreuzfahrern, die sich bereits von Pferdefleisch und Schuhen ernährten, Resignation breitmachte.
Ein Mönch namens Peter Bartholomäus behauptete, der Hl. Andreas sei ihm in Visionen erschienen und hätte ihm die Stelle in der Statdt gezeigt, unter der die Lanze zu finden sei, mit der man den gekreuzigten Jesus in die Brust gestochen hätte. Nach langem Graben in der beschriebenen Kirche war er tatsächlich auf etwas gestoßen, das wie eine abgebrochene Lanzenspitze ausgesehen hatte...
Im Mittelalter glaubte man nicht nur an Himmel und Hölle, sondern auch an die Macht von Reliquien, insbesondere an das "Wahre Kreuz Christi", das z.B. in der Schlacht bei Hattin mitgeführt wurde und (entspr. dem mittelalterlichen Wunderglauben) ein triftiger Grund war, den ungleichen Kampf gegen Saladin aufzunehmen. Auch in diesem Fall griff man todesmutig die Belagerer an, und das Wunder geschah: das gewaltige Heer der Moslems, das selbst dem damaligen byzantinischen Kaiser Furcht einzujagen schien, ergriff die Flucht! Trotzdem zweifelte man in der Folge an der Echtheit der Reliquie, und besagter Mönch unterzog sich mit seiner Lanzenspitze einem Gottesurteil, bei dem er so schwere Verbrennungen erlitt, dass er eine Woche später starb. Andere wiederum behaupteten, er wäre aus den Flammen unbeschadet hervorgetreten und wäre erst von seinen Widersachern so übel zugerichtet worden...


1147 dringt Nur ad-Din ins Fürstentum ein und erobert östlich gelegene Gebiete.
Zwei Jahre später wird Raimund von Antiochia in einer Schlacht gegen den Zengiden-Herrscher getötet, dem in Syrien dann die Ayyubiden unter Salah ad-Din's Führung folgen, der zum großen Helden des Islams aufsteigen sollte.

1268 erfolgt die Einnahme der Stadt und des Fürstentums durch den Mamlukensultan Baibars, einem weiteren großen Heerführer, der trotz seines aufsehenerregenden Sieges gegen die gefürchteten Mongolen und weiterer militärischen Erfolge im Westen eher unbekannt ist.



Liste der Fürsten von Antiochia:

1098 - 1111 Bohemund I. (von Tarent)
1111 - 1130 Bohemund II.
1130 - 1136 Konstanze
1136 - 1149 Raimund I. (von Poitiers)
1149 - 1153 Konstanze (2. Mal)
1153 - 1163 Rainald (von Chatilion)
1163 - 1201 Bohemund III.
1201 - 1233 Bohemund IV.
[1201 - 1219 Raimund (II.) Roupen als Gegenfürst]
1233 - 1252 Bohemund V. (von Antiochia - Tripolis)
1252 - 1275 Bohemund VI. (von Antiochia - Tripolis)
1275 - 1287 Bohemund VII. (von Antiochia - Tripolis)

Anhand von Prägungen von Bohemund III. und Bohem. IV. werden nun die typischen "Kreuzritter-Denare" des FT Antiochia gezeigt, von denen es verschiedene Ausführungen gibt.
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K800_BohemIIIAv.JPG
Bohem. III.; Malloy 65 ff
K800_BohemIIIRv.JPG
K800_BohemIVAv.JPG
Bohem. IV.
K800_BohemIVRv.JPG
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von ischbierra » Fr 31.01.14 18:42

Ich stelle noch mal zwei solche Stücke hinzu, wobei ich nicht weiß, worin sich die Ausgaben von Bohemund III. von denen des IV. seines Namens unterscheiden. Vielleicht gibt es ja noch Aufklärung hier. Mein Bohemund III. wiegt 0,99 gr, Bohemund IV. 0,9 gr.
Gruß ischbierra
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1149-1201 Bohemund III., Denar, Metc (1).JPG
1149-1201 Bohemund III., Denar, Metc (2).JPG
1201-1232 Bohemund IV., Denar (1).JPG
1201-1232 Bohemund IV., Denar (2).JPG

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Albert von Pietengau
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von Albert von Pietengau » Fr 31.01.14 22:08

Hallo ischbi,

soviel ich weiß, gibt es Stücke, die sich eindeutig zuordnen lassen, und es gibt Stücke, bei denen III od. IV nicht feststeht.
Um Genaueres sagen zu können, wäre wohl der Metcalf angesagt.

Ich vermute, die von Dir gezeigten Stücke wurden beide unter B III. geprägt, da alle "A" von Ringlein, und nicht von Perlchen flankiert sind.


LG
AvP
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Albert von Pietengau
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von Albert von Pietengau » Di 25.03.14 22:01

Man vermutet, dass dieser Münztyp auch in Tripoli geprägt wurde, da er in der Umgebung der Stadt gefunden wurde.
Bei der gezeigten Silbermünze dürfte es sich um ein Original handeln.

Es soll aber eine Kupfer-Ausführung geben, die als Imitation einzustufen ist (Bohemund III./IV. (Metc 39-40 od. 1995) :?: ) :?:

Bischöfe von Valencia (1157-1276)
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K800_Antiochia_Av.JPG
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von Andechser » Di 25.03.14 22:13

Könntest du von der letzten Münze noch Durchmesser und Gewicht nachreichen? Außerdem wollte ich fragen, warum du das Stück nach Valencia oder gar zu den Kreuzfahrern verlegen willst, wo es sich doch als Monnaie feodale aus dem französischen Bistum Valence richtig wohlfühlt und wohl auch mit vielen Funden belegt ist?
Hier mal ein Beleg aus Frankreich: http://www.mcsearch.info/record.html?id=1163255

Viele Grüße
Andechser

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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von Marc » Di 25.03.14 22:23

Dieses französische Stück wird häufig in Hordfunden in den Kreuzfahrerstaaten gefunden, deshalb kann man annehmen das es dort in größeren Mengen kursierte. Deshalb wird es häufig zur Preissteigerung mit dem Vermerk 'Kreuzfahrer' angeboten.

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Albert von Pietengau
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von Albert von Pietengau » Di 25.03.14 23:55

Hallo Andechser,

1,8 cm; 0,74g

Valencia 8O Da habe ich mich offensichtlich verschrieben.

http://www.google.de/imgres?imgurl=http ... CFgQrQMwAA

VG AvP
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von Albert von Pietengau » Sa 05.04.14 16:53

Ein rel. früh geprägter Kupfer-Follis (Tancred (1104-1112); 2e type, Metc. 63; 3,91g), dessen Kreuz-Seite (IC XC NI KA) stark an Byzanz erinnert. Eindeutig interessanter indes ist das Bildnis des Herrschers, das sehr muslimisch anmutet: möglicherweise ein Zugeständnis an die muslimische Bevölkerung von Antiochia...
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quinctilius
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von quinctilius » Do 31.07.14 09:24

...auch ich habe mir 2 Münzen des Tancred gegönnt. Beide Typ 2, Metcalf, Crusades 63-70; CCS 4a mit der Büste des Regenten die untere auf einem früheren Typ überprägt, das Schwert ist erkennbar, der Kopf nicht mehr.
Diese Münzen erzielen oft ganz erstaunliche Preise, z.B. bei CNG:

https://www.cngcoins.com/Coin.aspx?CoinID=98157
https://www.cngcoins.com/Coin.aspx?CoinID=254487
https://www.cngcoins.com/Coin.aspx?CoinID=193369
https://www.cngcoins.com/Coin.aspx?CoinID=127857

Die obere hat mich USD 120, die untere USD 30 gekostet.

VG
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Albert von Pietengau
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von Albert von Pietengau » Fr 01.08.14 15:43

Hallo (& Danke fürs Zeigen) quinctilius!

Schön, dass sich ein Römer in die Levante verirrt! :D

Die enormen Preisunterschiede sind mir auch schon aufgefallen. Ich habe mein Stück um 110 Euro bei Elsen erworben. Geboten hatte ich 125 Euro. Ohne jetzt groß Werbung für ein AH machen zu wollen, möchte ich mir an dieser Stelle die Bemerkung erlauben, dass Elsen zu den seriösen (ausländischen) Auktionshäusern gehört, bei denen der Hammer-Preis entweder unter oder (wenn man Pech gehabt hat) über dem Gebot liegt; nicht anders als man erwarten würde, wenn alles seinen rechten Lauf nehmen würde. Als passionierter Backgammon-Spieler habe ich im Lauf der Zeit ein "Gefühl" für Wahrscheinlichkeiten entwickelt, das sich in den meisten Fällen mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung deckt.
Ein vergleichsweise seltenes Ereignis 2 x hintereinander stinkt schon nach Beschiss hoch 2. :mad:
Siehe hierzu: http://www.numismatikforum.de/viewtopic ... 74#p422526



LG
AvP




PS:
Was mich am "Elsen-Stück" besonders fasziniert hat, ist der octagonale Schrötling, der mir bis jetzt nur bei einem Follaro von Roger II. unterkam: http://www.inumis.com/us/vso/V00014/ita ... 19073.html


Falls Interesse besteht, kann ich (hier bei den Kreuzfahrern?) das KR Sizilien behandeln, da ich gerade beim Katalogisieren desselben (mit Lit.-Angaben! :angel: ) bin.
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von quinctilius » Fr 02.01.15 12:38

hier ist noch ein Tancred, den ich mir grad gegönnt habe.
USD 110 bei Vcoins also noch halbwegs erschwinglich.
Sowohl Portrait als auch Kettenpanzer sind noch ganz passabel erkennbar.

VG
Quinctilius
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Tancred-Tankred - Kopie.jpg
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von Albert von Pietengau » Fr 20.02.15 16:23

Frappierende Ähnlichkeit, wa: http://www.ebay.de/itm/LANZ-Byzanz-Blei ... 5670a23b44
Passt doch hervorragend zum eindeutig byzantinisch gestalteten Revers.

Auch in diesem Fall geht es darum aufzuzeigen, dass Statements wie "Tancred lässt sich mit Turban und langem Bart abbilden; wohl in der Absicht, sich bei der muslimischen Bevölkerung beliebt zu machen" völlig an den Tatsachen vorbei gehen. Ich weiß nicht mehr, auf welcher Website ich (sinngemäß) diese Beschreibung gelesen habe... Wären mir die Bezeichnung der Kopfbedeckung und vor allem der Schluss, der daraus gezogen worden war, nicht so absurd vorgekommen, hätte ich mir diesen Stuss auch nicht gemerkt. Dass ich ihn anfangs sogar noch für möglich gehalten habe... 8O :oops: Nur zu gerne lässt man sich von Geschriebenem beeindrucken.
Die Reihenfolge ist immer dieselbe: Einer behauptet irgend etwas (weil ihm seine Sicht der Dinge als die einzig richtige erscheint). Andere plappern's nach. Und schon heißt es: "Ja, so war es, und so ist es" :roll:

Wenn man folgenden Auszug aus Wikipedia liest - es muss ja nicht alles falsch sein, nur weil's Schwarz
auf Weiß steht :mrgreen: -, vergisst man ganz schnell die Frage, ob der "nette Herr mit dem "Turban" und dem langen Bart" nicht doch der Münzherr sein könnte:

"Die Verehrung des hl. Georg breitete sich om Vorderen Orient, Äthiopien und Ägypten aus. Im merowingischen Frankenreich ist die Georgsverehrung schon im 6. Jahrhundert bezeugt, die größte Popularität wurde Georg jedoch im Hochmittelalter zuteil. Im Zeitalter der Kreuzzüge und des Rittertums verbreitete sich der Kult um den orientalischen Märtyrer zusehends. Georg wurde zum Schlachtenhelfer bei der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer (15. Juli 1099), wurde als Miles christianus, als Soldat Christi zur Identifikationsfigur der Ritter und Krieger, zum Heiligen von Ritterorden wie dem gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstandenen Deutschen Orden oder den Templern."



Gruß
AvP



PS:
Damit das Bild auch bleibt, habe ich ein Foto vom Foto gemacht.
Das Siegel sollte aus dem 10.-12. Jh. sein und die Büste des Hl. Georgios darstellen.
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K800_Byzant. Bleisiegel.JPG
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Re: Fürstentum Antiochia

Beitrag von Locnar » Do 21.07.16 23:03

Marcus Phillips, The ‘Roupen’ Hoard of Helmet Pennies
of Antioch

http://www.royalnumismaticsociety.org/N ... illips.pdf
Gruß
Locnar

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