Das "verbitterte Portrait"

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

Moderator: Homer J. Simpson

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drakenumi1
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Das "verbitterte Portrait"

Beitrag von drakenumi1 » Mo 04.05.09 11:22

Die Graveure römischer Münzen waren bisweilen zu ganz hervorragenden Leistungen fähig, wenn es zB. darum ging, wie bei diesen Antoninianen des Trajanus Decius, die Seelenverfassung eines Kaisers in seinem Portrait auszudrücken, der mit seiner Erhebung zum Kaiser eigentlich schon übersah, daß er die Erwartungen an ihn, das Reich vor dem Untergang zu schützen, nicht würde erfüllen können. Und was er auch übersah, waren seine gezählten Tage, die er deshalb nur noch erwarten konnte.
Die Goten überrannten über Dacien, Mösien, Thrakien Macedonien und Griechenland die Reichsgrenzen, als sein kaiserlicher Vorgänger Philippus ihn mit den Donau-Armeen beauftragte, hier "Ordnung" zu schaffen, während Ständekämpfe, Inflation und die allgemeine Demoralisierung der Bürger durch ihre fortschreitende Verarmung den Hintergrund bildeten, sich wiederwillig durch seine Truppen zum Kaiser ausrufen zu lassen. Die Angst, diese in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen zu können, zehrte fortan ständig an ihm und die Angst - Todesangst vor einer Ermordung - begleitete ihn.
Diese Angst und seinen Gemütszustand haben die Graveure in ihren Münzstempeln hervorragend eingefangen und zum Ausdruck gebracht, zwei davon möchte ich hier vorstellen und hoffe, Ihr habt weitere Beispiele an weiteren Kaisern aus Euren Sammlungen hier anzubieten:

Es grüßt Euch

drakenumi1
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Man kann, was man will, und wenn man sagt, man kann nicht, dann will man auch nicht.
(Baltzer von Platen/a. Rügen)

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Peter43
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Beitrag von Peter43 » Mo 04.05.09 12:51

Hübsches Thema! Dazu möchte ich meinen Antoninian RIC V, 5 (Siscia); C.8 (150 fr.) des
Julian von Pannonien, 283/4 n.Chr. vorstellen.

Über Julian von Pannonien berichten nur Aurelius Victor, die Epitome de Caesaribus und Zosimus,
wobei die beiden letzten aus derselben - leider verlorengegangenen - Quelle schöpfen. Ob er auch
noch Sabinus hieß, ist ungewiß. Er war wohl Corrector Venetiae und ließ sich nach dem Tod des
Numerianus zum Augustus ausrufen. Ob er seine letzte Schlacht in Illyrien oder auf dem Campo
Veronensis verlor, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Er scheint ein ernsthafter, gebildeter Mann
gewesen zu sein. Das Portrait jedenfalls zeigt ihn als ernsten, sich seiner Verantwortung bewußten
Mann. Ein Herrscher, der sein Amt nicht leichtfertig übernommen hat, um sich zu bereichern, sondern
der in einer schwierigen Lage des Reiches das Ruder in die Hand nahm. Er schaut eher sorgenvoll
in die Zukunft. Und dann ereilte auch ihn das übliche Schicksal.

Mit freundlichem Gruß
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mias
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Beitrag von mias » Mo 04.05.09 13:17

Hallo Drakenumi, Hallo Peter43,

Gutes Thema.

Die Potraits des dritten Jahrhunderts finde ich wirklich zum Teil - sagen wir - charismatischer als die des zweiten. Manchmal kommt da die ganze Tragik dieser Zeit zum Ausdruck - wie auch den Muenzen, die Ihr gezeigt habt.

Gruss,

Mias

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chinamul
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Beitrag von chinamul » Mo 04.05.09 13:50

Der evangelische Theologe Ethelbert Staufer (1902 - 1979) beschreibt in seinem Buch Christus und die Caesaren (Hamburg 1948) das Münzbild des Trajanus Decius mit sehr eindringlichen Worten: "Die aufgerissenen Augen starren in einen Weltbrand hinein, den kein Kaiser mehr löschen kann" und kontrastiert ihn mit Valerianus, der zwei Jahre später an die Macht kommt: "Anno 253 reißt der General Valerian die Macht an sich und führt sich in der römischen Welt ein durch eine Münze mit der verheißungsvollen Aufschrift: Der Wiederhersteller des Erdkreises. Einer wenigstens hat an dieses Versprechen geglaubt, er selbst. Das Münzbildnis zeigt einen Mann, der mit sich zufrieden ist, das genaue Gegenbild zu dem aufgewühlten Deciusporträt, satt, energisch, dumm."

Gruß

chinamul
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mias
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Beitrag von mias » Mo 04.05.09 14:27

Auf der obigen Muenze ist das Potrait von einem Mann zu sehen, der auch Tristis (der Traurige) genannt wurde. Es zeigt einen verbitterten, alten Mann von eher scheuem Wesen, der als Kaiser Pupienus in die Geschichte einging.

Von Pupienus wird ueberliefert, dass er als Stadtpraefekt von Rom, zu dem er 234 ernannt wurde, aeussert streng innenpolitisch durchgriff. Entsprechend unpopulaer beim Volk war die Entscheidung des Senats, ihn nach dem Tode der beiden Gordiane 238 zusammen mit Balbinus zum Kaiser zu ernennen.

Zu sehen auf dem Denar des Balbinus ist ein Mann mit schwammigen Gesichtszuegen, die auf eine zu Pupienus gegenteilige Persoenlichkeit hindeuten. Entsprechend wird Balbinus als Genussmensch beschrieben, der - wie auf der Rueckseite dargestellt - sogar eine Vorliebe fuer elegante Kleider hatte.

Der Handschlag auf der Rueckseite des Pupienus Antoninian soll die Eintracht des Balbinus und Pupienus beschwoeren. Tatsaechlich verharrten die beiden grundverschiedenen Charaktere in einem staendigen Zwist.
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Peter43
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Beitrag von Peter43 » Mo 04.05.09 15:13

Eindrucksvolle Portraits. Da sind doch die Stereotypen der Tetrarchen einfach nur phantasielos und furchtbar.

Mit freundlichem Gruß
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quisquam
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Beitrag von quisquam » Mo 04.05.09 16:21

Phantasielos ja, furchtbar finde ich aber etwas hart.

Mir haben die Portraits von Traianus Decius auch schon immer gefallen, weil man ihnen oft sein Kaisertum wider Willen und sein Unbehagen ansieht. Der Mann war wirklich nicht zu beneiden.

In der Rundplastik wird dies zum Teil noch deutlicher:
http://www.rome101.com/Portraiture/Decius/

Mein einziger Decius kann erhaltungsmäßig zwar nicht mithalten, zeigt aber m. E. ein sehr realistisches Portrait.

Grüße, Stefan
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Traianus Decius RIC 1.jpg
Eigentlich sammle ich nicht Münzen, sondern das Wissen darüber.

imperator44
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Beitrag von imperator44 » Mo 04.05.09 18:36

Was für ein interessantes Thema, und Ihr schreibt über diese Kaiser des dritten Jahrhunderts äußerst treffende und von einem großen Wissen zeugende Kommentare, wie drakenumi1 über Traian Decius, peter 43 über Julian von Pannonien, chinamul über Valerianus I. und mias über Balbinus und Pupienus. Respekt und Hochachtung.
Allerdings gibt es auch von den Tetrarchen einige Portraits, wie z.B. mein Diocletian, die von Tatkraft und Energie zeugen. Ein "Nein" hätte so ein Diocletian niemals durchgehen lassen.
Im Moment finde ich den Kerl nicht, aber ich werde ihn noch extra posten.
Schöne Grüße vom imperator44

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Beitrag von Julianus v. Pannonien » Mo 04.05.09 18:40

Hallo zusammen,

Wirklich ein Ausserordentlich spannendes Thema!

Da möchte ich auch gerne zwei meiner Nachdenklichen Kaiser,
nähmlich Vater und Sohn zeigen.

Trebonianus Gallus und Volusian

Wie schon bei euch andern beschrieben schauen die meisten Portraits der beiden sehr Müde, und Nachdenklich aus, selten sieht man ein angedeutetes Lächeln, was für die Kriese dieser Zeit nachvollziehbar ist.

Grüsse JvP
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Beitrag von imperator44 » Mo 04.05.09 18:45

Hier ist der versprochene Diocletian Follis.
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DSC00488JPG.jpg
Schöne Grüße vom imperator44

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Beitrag von emieg1 » Mo 04.05.09 18:47

quisquam, tröste dich, mein Trajanus Decius ist auch nicht besser erhalten, und trotzdem fasziniert mich das Portrait immer wieder (...und die Tatsache, dass ich ihn für knappe sechs Euro bekommen hab ;-))
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traj_decius_rev.jpg
traj_decius_av.jpg

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Beitrag von beachcomber » Mo 04.05.09 18:59

hallo imp,
wie bei dir nicht anders zu erwarten ein spitzenporträt!
natürlich sind die porträts der tetrarchen einander angeglichen, weil es zu der zeit weniger auf realistische darstellung der kaiser ankam, als auf die darstellung ihrer kaiserlichen macht, was man an den vielen attributen erkennen kann die früher nicht auf den münzbildern der kaiser zu sehen waren.
ausserdem denke ich,dass diese uniformität bewusst eingesetzt wurde um die gleichrangigkeit der kaiser und ihrer caesaren zu betonen.
nichtsdestotrotzdem, ist es einem erfahrenen spätrömersammler oft möglich, schon anhand der porträts die kaiser zu unterscheiden.
jochens einschätzung von 'phantasielos und furchtbar' mag ich da wirklich nicht teilen. :)
grüsse
frank

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Beitrag von chinamul » Mo 04.05.09 19:10

Natürlich ändern sich ab Diocletianus die Porträts, aber man muß berücksichtigen, daß mit dem Dominat die individuelle Person des Kaisers durch seine Funktion als absoluter, gottgleicher Herrscher überlagert wird. Davon würden zu lebensechte Bildnisse nur ablenken. Es ist doch gerade die Stilisierung und Entindividualisierung des Porträts, die den Kaiser dem gemeinen Volk noch weiter entrückt.
Keinesfalls darf man meiner Meinung nach die Münzen der Tetrarchen als künstlerisch weniger anspruchsvoll abtun, wie auch ich selbst es lange getan habe, sondern muß sich immer wieder klarmachen, welche Botschaft hier übermittelt werden soll.
Die Verflachung der Reliefs, die ebenfalls oft bemängelt wird, läßt sich sehr leicht dadurch erklären, daß zu deren Prägung ein wesentlich geringerer Druck nötig ist. Außerdem benötigen die Stücke weniger Material. Hier liegt die auch heutzutage allenthalben in der Produktion zu beobachtende Optimierung und Ökonomisierung der Abläufe vor, ganz entsprechend dem darwinistischen Prinzip, daß das Bessere der Feind des Guten ist und es dann verdrängt.

Gruß

chinamul
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Beitrag von emieg1 » Mo 04.05.09 19:49

Um aber nochmal auf den thread zurückzukommen, ergo auf die "Verbitterung" des Trajanus Decius:

Er war in erster Linie ein äusserst fähiger General mit grossem Weitblick und war als solcher an verschiedenen Schauplätzen des römischen Reiches erfolgreich tätig. Schon als jungem Praetor vertraute man ihm die unruhige Provinz Niedermoesien an und unter Maximinus Thrax diente er in Spanien. Die Wirren des Sechskaiserjahres 238 überstand er unbeschadet.

Philippus Arabs ernannte ihn schliesslich zum Stadtpräfekten Roms und somit zu seinem Stellvertreter - der Höhepunkt der Karriere Trajanus Decius!

Philippus musste sehr grosse Stücke auf ihn gehalten haben, betraute er ihn schliesslich mit dem außerordentlichen Kommando über zwei Provinzen: Moesien und Pannonien. Decius übernahm allerdings diese Aufgabe nur ungern, und es geschah das, was er vorausschauend prophezeit hatte: Die dortigen Truppen riefen ihn als Kaiser aus.

Als "Kaiser wider Willen", aber Philippus schenkte den Beteuerungen Decius, der sich gleich nach Rückkehr nach Rom ins Privatleben zurückziehen wollte, keinen Glauben. Er erzwang somit die Entscheidung auf dem Schlachtfeld: Im Herbst 249 fiel Philippus bei Verona.

Trajanus Decius - Der neue Kaiser mit den alten Idealen...

denn nicht umsonst bezog er sich in der Wahl seines Namens auf seinen grossen Vorgänger Trajanus. Als ein Mann der "alten Schule" Roms besann er sich auf die "gute alte Zeit" und wollte Rom nochmals in diesen glücklichen Zustand versetzen; Begriffe wie Sicherheit, Friede, Eintracht, Gerechtigkeit und gottgefälliges Verhalten spiegeln sich in seinen Münzen wieder.

In Rom kehrte Ruhe ein, doch diese währte nur kurz. Anfang 250 bewegten sich gleich drei gotische Heere auf die römische Reichsgrenze an der unteren Donau zu und trotz der Einsätze Herennius Etruscus und Trebonianus Gallus musste der alte General und Kaiser selbst noch einmal ins Feld eilen. Bei Abrittus kam es im Hochsommer 251 dann zur Entscheidungsschlacht gegen die Goten, wo Decius den Tod fand.

Trajanus Decius - vielleicht der "Papa Gnädig" unter den römischen Kaisern, der wohl eigentlich eine bessere Zeit verdient hatte als diejenige, in der er regieren musste...

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Homer J. Simpson
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Beitrag von Homer J. Simpson » Mo 04.05.09 21:35

Hallöchen, hier noch zwei kurze Anmerkungen zum Thema "Trajanus Decius".

1. Curtis Clay hat im US-Forum darauf verwiesen, daß die Entscheidungsschlacht zwischen Decius und Philippus nicht in Verona / Norditalien, sondern in Beroea / Makedonien stattfand. Im Griechischen wurden B und V gleich geschrieben, und der Rest ist ein kleiner Schreibfehler. Hier der Link:
http://www.forumancientcoins.com/board/ ... #msg204318

2. Dort ist auch eine meiner Lieblingsmünzen zu sehen, der vielleicht erste Antoninian des Decius, geprägt noch bevor es sich bis zur Münzstätte herumgesprochen hatte, daß der neue Kaiser sich Traianus nennen würde. Ihm war wohl bewußt, daß er himmlischen Beistand vom größten Feldherrn unter Roms Kaisern dringend nötig haben würde. Da man im US-Forum die Bilder nur sehen kann, wenn man angemeldet ist, hänge ich sie hier noch mal an.

Viele Grüße,

Homer
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